Was es für uns bedeutet, in Belgrad zu sein (23. März)

Belgrad, eine Transitstadt – so betiteln wir in unserem letzten Bericht diese Stadt, die zwar erst auf halbem Wege zwischen Idomeni und München liegt, jedoch bereits schon ein bisschen nach Europa und Sicherheit riecht. Da wir hier rund um die Uhr beschäftigt sind und an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten, wird es zunehmend schwieriger, unsere Eindrücke in Worte zu fassen. Wahrscheinlich spiegelt sich nicht nur für uns das Auf und Ab dieser Reise in den kommenden Absätzen wieder. Wir hoffen, trotz aller auch für uns weiterhin bestehenden Undurchsichtigkeit dennoch einen Ausschnitt von dem formulieren zu können, was uns hier begegnet.

Einkaufen gehen, ZigaWP_000015retten im Park rauchen, einen Tee oder Kaffee trinken gehen, mit Freund*innen abhängen, Pause machen – Dinge, die in unserem Alltag absolute Normalität darstellen, lassen nach Monaten des permanenten Ausnahmezustands für Menschen auf der Flucht ein bisschen Ruhe einkehren in das eigene Leben, das an keinem Tag so ist wie am nächsten.

Dies beeinflusst unseren Aufenthalt hier auf mehreren Ebenen. Vor allem dahingehend, dass vieles von dem, was wir tun, sich auf den ersten Blick nicht zwangsläufig als Arbeit gelesen wird – Unsere Tage aber dennoch meistens 18 Stunden haben, die gefüllt sind mit Organisieren, Vernetzen, Tee kochen, Reden, Da sein, Einkaufen und Planen.

Auch wenn sich das Ungleichgewicht der materiellen Verhältnisse in den letzten Tagen nicht verändert hat, hat sich doch unser Gefühl dazu stark gewandelt. Im Gegensatz zum letzten Bericht liegt der Fokus unserer Gedanken und Reflexionen mittlerweile viel weniger auf eben dieser materiellen und von Privilegien beeinflussten Ungleichheit, sondern auf den individuellen Geschichten, die Menschen an uns herantragen und die Freundschaften, die hier entstanden sind. Freundschaft, das bedeutet füreinander da sein – und genau so rückt das einseitige wir-weiße-Europäer*innen-geben-denen in der direkten Begegnung für einige Momente in den Hintergrund.. Dass diese Begegnungen aufgrund der katastrophalen Ausgangslage geschlossener Grenzen für uns zu persönlichen Grenzerfahrungen führen, ist selbsterklärend. Wir wollen daher in diesem Bericht zwei Perspektiven miteinander verbinden: Die derzeitige politische Situation und die persönlichen Geschichten, die sich in dieser abspielen.

Seit der Schließung der Grenzen sitzen ca. 2000 Menschen in Serbien fest. Viele dieser Menschen haben jedoch Verwandtschaft oder Freund*innen in anderen Teilen Europas, die sie als ihren sicheren Hafen anzusteuern versuchen. Dass die Grenzen dabei nicht nur aus rein rechtlicher Perspektive geschlossen, sondern auch physisch sicht- und greifbar militärisch abgesichert sind, treibt viele in eine tiefe Verzweiflung. Es macht den Anschein von Krieg, wenn der ungarische Grenzzaun nun nicht nur aus durchgängigem NATO- Stacheldraht besteht, sondern zudem auch technologisiert mit über 2km Distanz reichende Nachtsichtgeräten, Infrarotanlagen und Alarmanlagen sowie personell mit auf allen 50m in Gräben sitzenden Soldat*innen, sowie Grenzpatrouillen überwacht wird. Ein Versuch, die Grenze zu übertreten ist dabei nicht nur mit der unmittelbaren Konsequenz eines Gefängnisaufenthaltes verbunden, sondern auch mit physischer Gewalt seitens der Polizei, des Militärs, sowie organisierter Faschist*innen. Dass es unter diesen Voraussetzungen keine andere Möglichkeit als die des illegalisierten Schmuggels gibt, ist eine offensichtliche Konsequenz. Und während wir im Dezember noch viele Menschen getroffen haben, die den illegalen Transport konsequent verneint haben und sich stattdessen auf wochen- bis monatelange Fußmärsche vorbereitet haben, ist in Zeiten der europäischen Grenzschließungen und des Relocation-Programms Schmuggel die einzige verbleibende Chance, selbstbestimmt zu entscheiden, an welchen Ort es gehen soll. Dabei hören wir vermehrt von Fällen, in welchen Menschen hunderte Euros für eine*n Schlepper*in bezahlt haben, um dann auf ungarischer Seite von vermummten Männern in Empfang genommen und niedergeprügelt. oder von ungarischen Beamt*innen überfallen, ausgeraubt und physisch sowie psychisch misshandelt zu werden.

Die Aussichtslosigkeit, die aus dieser Situation resultiert, präsentiert sich in den persönlichen Geschichten, die Menschen uns allabendlich mitteilen.

Der, der sich vorgenommen hat einen Monat darauf zu warten, dass die Grenze offen ist und dessen Bezugspersonen alle bereits weg sind. Morgen ist dieser Monat vorbei, die Grenze ist nicht offen, die Lage weiterhin aussichtslos.

Der, der seit 2008 auf der Flucht ist und immer wieder abgeschoben wurde oder im Gefängnis saß und einfach nur in Frankreich bei seiner Familie ankommen möchte.

Die beiden, die von der ungarischen Grenze nach Belgrad zurückgekommen sind, weil sie nach drei Tagen ohne Essen durch den Wald laufen einfach nicht mehr konnten.

Der 50 jährige Familienvater, der zwei Jahre in Heidelberg gelebt hat und einfach nur zurück möchte.

Der, der im Gespräch eine tiefgreifende Analyse der politischen Verhältnisse in Afghanistan abliefert und trotz der perspektivlosen Umstände sich mittlerweile auf die Entscheidung vorzubereiten scheint, mit Aussicht auf die auf ihn zukommenden Erfahrungen in Ungarn seine eigene Deportation zu unterschreiben.

Die Großfamilie, die sich einfach nach einem ruhigen Leben sehnt und die vor zwei Monaten vor Krieg geflohen ist, weil sie es musste. Niemals war es ihr Ziel, dass ihre Kinder in Europa aufwachsen. Aufgrund der Lage in Syrien sieht sie sich nun jedoch zur Flucht gezwungen. Losgegangen sind sie mit der Perspektive einer riskanten Bootsüberfahrt und einem anschließenden Marathon über Bus- und Zugtransport durch Europa – und sitzen nun in der Illegalität fest.

Die drei Iraner, die in drei Tagen durch ganz Mazedonien gelaufen sind und vor Polizei und Mafia weggerannt sind, die von uns nichts anderes wollten als eine Zigarette und Informationen von der ungarischen Grenze, weil sie sich um alles andere selbst kümmern. Getragen von der pragmatischen Einstellung, dass Grenzen nichts anderes bedeuten, als ein paar mehr Umwege zu gehen.

Das aufmerksame Zuhören, sobald wir unsere Informationen über die Situation an der ungarischen Grenze teilen – der Moment, in welchem jegliche Selbstoffenbarung, die sonst in Gesprächen stattfindet absolut in den Hintergrund rückt und einfach nur konzentriert und detailliert nachgefragt wird, lässt uns ins Nachdenken kommen. Was dies über die aktuelle Lebenssituation der Menschen aussagt, ist für uns nur in Ansätzen erahnbar. Und zuletzt die immer wiederkehrende Frage danach, wann denn endlich die Grenzen aufmachen.
Das einzige, was wir tun können ist abwarten, Tee trinken und Fluchtpläne schmieden.Versuchen, die Verzweiflung gemeinsam auszuhalten.

Trotzdem bieten solche Begegnungen den Menschen auch die Chance, ein kleines bisschen von dem zu zeigen, was sie in ihrer Normalität auch sein und zeigen wollen. Sich über die alltäglichsten Dinge unterhalten, sei es Musikgeschmack, Liebesgeschichten, leckeres Essen und sich dabei nicht nur kennenzulernen, sondern eine Beziehung zueinander entwickeln – begleitet von der Freude, sich allabendlich wiederzusehen, den langsam entstehenden Insiderwitzen und dem Bewusstsein um die Sprache, in welcher miteinander kommuniziert werden kann. In diesen Begegnungen wird aber zum Anderen auch deutlich, dass das Bild vom armen, aber körperlich zur Flucht fähigen “Flüchtling” absoluter nonsens ist – denn in Zeiten ausschließlich illegalisierter Fluchtrouten, treffen sich auf diesen Routen Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Hintergründe. Die Frage, die sich hieran anschließt ist, was es mit Menschen macht, wenn “du” immer nur ein “ihr” oder “die” ist. Wenn das einseitige Bild, das Menschen zu dem Begriff “Flüchtling” im Kopf haben, meilenweit entfernt von der eigenen Lebensrealität ist.

Wie fühlt es sich an, im Alltag genauso wie in Medien mit Sätzen, wie “die können hier doch nicht alle wohnen”, “die sind alle so und so” und “wir brauchen 200 Jacken für die” konfrontiert zu sein? Was machen Begriffe und Konzepte, wie “Obergrenze”, “Aufnahmekapazität”, “Verteilung nach Quote” und “Umsiedlung” mit der menschlichen Würde?
Woher kommt die Illusion, das Recht zu haben Menschen, die mit ihren eigenen Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen und Zielen auf dieser Welt sind, vorschreiben zu können, an welchen Ort sie gehen und unter welchen Verhältnissen sie zu leben haben?

All diese unterschiedlichen Ebenen, die in diesem Bericht angeklungen sind, wechseln sich in unserem “Alltag” von einem Moment zum nächsten ab. Ein Tag hat hier nicht 24, sondern mindestens 100 Stunden, so dicht aneinander liegt der Wechsel von Liebe zu Hass, von Freude zu Schmerz und von Hoffnung zu Verzweiflung. So etwas wie Routine kann und wird sich für uns in dieser Stadt nicht einstellen, dafür ist der Wechsel von Gesichtern zu schnell, die politische Situation zu gravierend und die anstehenden Aufgaben zu vielfältig. Und so werden wir getragen vom oszillierenden Strom der Energie, die sich aus all diesen Eindrücken und Gefühlen ergibt und machen weiter.
Denn zuletzt zeigen all diese Begegnungen,dass auch der bestmöglich abgesicherte Grenzzaun nicht alle Menschen davon abhalten wird, ihre Wege zu gehen und ihre Ziele zu verfolgen. Grenzen sind Hindernisse, aber sie sind niemals so stark wie die Fluchtgründe.

In diesem Sinne,
fight all fucking borders.

Schicke den Bericht gerne weiter an deine Freund_innen und Bekannte
Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+