Bericht aus Belgrad 12.03.2016

Seit einer Woche sind wir nun wieder in Belgrad und knüpfen an die Erfahrungen an, die wir Ende Februar in dieser Stadt gemacht haben. Wie im Bericht vom 28. Februar angeklungen, befinden sich die Aktivist*innen der NoBorder Serbia Gruppe bereits am Limit ihrer Kapazitäten und bekommen wenig Unterstützung von anderen lokalen Gruppen. Der Wunsch nach einer kontinuierlichen, regierungsunabhängigen Struktur und Support von anderen Gruppen ließ uns zurück in diese Stadt kommen. In der vergangenen Woche ist dann so viel passiert, dass wir keine Zeit hatten kurze Zwischenberichte zu veröffentlichen. Diesem wollen wir nun nachkommen…

Mit der endgültigen Schließung der Grenzen dramatisiert sich die Situation in der Stadt und der flüchtenden, nun ausschließlich illegalisierten, Menschen zunehmend. Gelegen auf der Balkanroute zwischen Mazedonien/Bulgarien und Ungarn/Kroatien bildet die Stadt einen wichtigen Transitpunkt für die Weiterreise. Während es im Sommer 2015, als teilweise bis zu 1000 Menschen in der Nähe des Hauptbahnhofes übernachtet haben, noch viele aktive Unterstützer_innen gab, die sich in unabhängigen oder organisierten Strukturen engagiert haben, sind die Möglichkeiten der flüchtenden Menschen sich unabhängige Informationen zu beschaffen und mit Menschen in Kontakt zu kommen mittlerweile fast ausschließlich auf Container und Strukturen von NGOs bzw. staatliche Informationen beschränkt. Die Situation in Serbien ist dabei besonders prekär: um in einem Hostel oder einem Camp übernachten zu können, müssen sich die auf der Flucht befindenden Menschen bei der Polizei registrieren und ihre Intention Asyl zu beantragen melden. So bekommen sie dann ein Papier, das 72 Stunden lang gültig ist. Mit diesem Papier können sich die Menschen in einer legalen Grauzone in der Stadt aufhalten: wenn sie innerhalb dieser Zeit in ein Camp gehen und dort ihren Asylantrag bestätigen, bekommen sie einen Schlafplatz in einem der Camps – oder, wenn sie die finanziellen Mittel dafür haben und kein Asyl beantragen wollen, können sie in einem Hostel einchecken. Was genau nach diesen 72 Stunden passiert weiß hier so recht niemand zu beantworten. Diese fehlende Information steht nur sinnbildlich für die prekäre Informationslage im Allgemeinen.

In unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof, quasi direkt im Herzen Belgrads, liegen zwei Parks, welche die zentrale Anlaufstellen für die flüchtenden Menschen bilden. Hier befinden sich zwei Container des Red Cross, welche morgens und mittags Menschen notdürftig mit kleinen Essensrationen versorgen. Auch ein Container des UNHCR befindet sich auf dem Gelände, wir haben diesen jedoch noch nicht geöffnet gesehen. Desweiteren gibt es vereinzelt Menschen von anderen NGOs, mit welchen wir in Kontakt gekommen sind, die sich mit den flüchtenden Menschen unterhalten und diesen Informationen geben. Nach allem was wir gehört haben, bewegen sich diese Informationen jedoch in einem Rahmen, der durch die zunehmende Verschärfung der Abschottung europäischer Staaten unzumutbar wird: “beantrage in Serbien Asyl und akzeptiere deine Situation und dass du hier bleiben wirst”. Dass Asylanträge in Serbien jedoch eine Anerkennungsquote nahe Null haben, diese “Beratung” komplett an den Bedürfnissen, Wünschen und Willen der Menschen vorbeigeht und die Situation in Serbien auch für diejenigen, die tatsächlich Asyl bekommen sollten, nicht gerade rosig aussieht, wird dabei entweder bewusst ausgeblendet oder verdrängt.

Insgesamt sind wir an diesem Ort mit zwei Ebenen konfrontiert, die die Absurdität des europäischen Systems repräsentieren: auf der einen Seite ist die materielle Versorgung der sich hier befindenden Menschen einigermaßen gesichert, sprich es gibt theoretisch Kleidung, Essen, Duschen und Schlafplätze. Auf der anderen Seite ist sowohl die Lage vor Ort als auch die Aussicht auf Weiterkommen so gut wie aussichtslos und auch ohne geschlossene Camps sind die Menschen gefangen im rechtlichen Rahmen der europäischen Migrationspolitik. Diese Ambivalenz mündet sowohl bei den unterstützenden politischen Gruppen vor Ort als auch bei den hier festsitzenden Refugees in einer erlernten Hilflosigkeit gegenüber diesem bürokratischen Apparat namens Europäischer Union, der Menschenleben nur als Nummern im System erfasst und entgegen der Wünsche der Menschen arbeitet.

Seit einer Woche befinden wir uns nun hier und versuchen gemeinsam mit anderen lokalen Gruppen eine kontinuierliche, unabhängige Struktur zu etablieren. Während sich der Support in den ersten Tagen auf Tee und Kaffee, sowie Unterhaltungen und Kennenlernen der Refugees beschränkt hat, gibt es mittlerweile eine Wohnung, welche sich zu einem festen Anlaufpunkt für verschiedene linke Gruppen etabliert und ein Ort der Vernetzung politischen Protests wird. Zudem sind mit dieser Wohnung die Ressourcen vorhanden, jeden Tag eine warme Mahlzeit für ca. 150 Menschen zuzubereiten. Angefangen mit Linsensuppe, über Reis mit Currygemüse bis hin zu morgens Frühstücksbrei und abends Nudeln mit Bärlauchpesto und süßem Kohl gab es nun bereits drei Tage in Folge die Möglichkeit für alle, nicht nur warm, sondern auch bis hin zum Sättigungsgefühl zu essen.

Über diese regelmäßige Präsenz im Park ist es uns möglich geworden, bereits in kurzer Zeit intensiven, zum Teil sehr vertrauensvollen Kontakt mit den Refugees herzustellen. Wir unterhalten uns dabei vor allem auf Französisch und Englisch, zum Teil auf Spanisch. Die Geschichten, die wir in unseren abendlichen Gesprächen mitbekommen und die über die Tage hinweg immer intensiver geteilt werden, sind dabei mehr als schockierend. Sich in diesen Tagen in Belgrad aufzuhalten ist von einer rein legalen Perspektive aus betrachtet eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Das bedeutet für uns, dass jede einzelne Geschichte der Refugees geprägt ist von unfassbaren physischen und psychischen Gewalterfahrungen. Sowohl in Mazedonien, als auch in Bulgarien sind Menschen auf der Flucht in der ständigen Gefahr vor Raubüberfällen und körperlicher Misshandlung. Dabei werden sie nicht nur ihrer Wertgegenstände wie Geld oder Handys beraubt. Vielen flüchtenden Menschen wurden ihre Schuhe weggenommen – für uns eine Handlung, die nichts anderem als menschlicher Entwürdigung entspricht. Dieses Kleidungsstück hat weder einen besonderen Wert, sodass sich individueller Profit daraus schlagen ließe, noch lassen sich aus Schuhen relevante Informationen ableiten, der Raub von Schuhen ist daher wohl vielmehr symbolisch zu interpretieren: das Weiterkommen wird ohne Schuhe mindestens erschwert, aufgrund eisiger Temperaturen und schlechtem Wetter jedoch zu einer Garantie von Krankheit bis hin zu schleichendem Tod. Nach tage- bis wochenlangem Wandern durch unwegsames Gebiet, bei eisigen Temperaturen und aufgrund der ständigen Gefahr entweder von Polizei oder Militär, oder durch denunzierende Bevölkerung entdeckt zu werden nur bei Nacht laufend, grenzt es für uns eigentlich an ein Wunder, dass es dieser Tage noch Menschen bis nach Belgrad schaffen. Die wenigen, die hier ankommen, befinden sich jedoch noch lange nicht in Sicherheit, sondern sind weiterhin mit einer für uns fast nicht auszuhaltenden Aussichtlosigkeit konfrontiert. Da sich darüber hinaus die rechtliche Lage der einzelnen Staaten, sowie des Gesamtkonstrukts EU so gut wie jeden Tag verändert, sind auch die aktuellen Informationen, die wir weitergeben können, aus unserer Perspektive weit entfernt von praktischer Hilfe oder Hoffnung auf Möglichkeiten zur Weiterreise. Dass es viele dieser Menschen trotz alledem schaffen, uns mit einer offenen und freundlichen Stimmung zu begegnen und noch nicht vor dem Leben kapituliert haben, ist für uns manchmal unbegreiflich.

Und so sitzen wir abends in unserer warmen, vollausgestatteten Wohnung in unmittelbarer Nähe des Parks und verzweifeln an der Ambivalenz, die sich in dieser ganzen beschissenen Situation um unser Leben herum auftut. Denn schlussendlich sind wir von dieser ganzen Thematik nur sekundär betroffen, sind wir doch diejenigen, die der Zufall mit einem deutschen Pass geboren hat. Wenn wir am Rande unserer Kräfte sind können wir uns nicht nur in ein warmes Bett legen, sondern werden auch von unseren Freund*innen aufgefangen. Und in letzter Konsequenz sind diese Grenzerfahrungen immer durch den doppelten Boden der Möglichkeit und des Rechts einfach in einen Zug oder ein Auto zu steigen und zurück in den Elfenbeinturm zu fahren, um dort in der Routine des Alltags und der emotionalen Wärme unserer sozialen Netzwerke Zuflucht zu finden, gesichert.

Einer der Refugees beschrieb diese Ambivalenz und Aussichtslosigkeit neulich mit dem Satz “me cago en la puta vida” was so viel bedeutet, wie “ich bin gefangen in diesem beschissenen Leben” – treffender hätte es wohl nicht auf den Punkt gebracht werden können.

Andererseits kontrastiert sich diese Aussichtlosigkeit an der Synergie, die sich in dieser Wohnung ergibt. Nicht nur die Qualität des zunehmend organisierter zubereiteten Essens wächst mit jedem Tag, sondern auch die politischen Strukturen, die sich an diesem Ort entwickeln, geben uns das Gefühl, dass es gut ist, dass wir hier sind und die Spenden dafür nutzen, diesen Prozess finanziell zu ermöglichen. Gerade heute fand zum Beispiel ein Vernetzungstreffen von lokalen Gruppen in dieser Wohnung statt, mit dem Ziel, den Protest nicht nur in Form von Essen und Tee, sondern auch mit Worten, Demonstrationen, Bannern und Forderungen auf die Straße zu bringen. Und so steht für uns am Ende des Tages die Erkenntnis, dass wir mit unserer politischen Arbeit hier vor Ort schlussendlich zwei Dinge tun können: erstens, den Refugees, mit denen wir in Kontakt kommen für ein paar Stunden ihre menschliche Bedeutung zurückzugeben und sie in ihrer Individualität wertzuschätzen, ihnen in all den Jahren der Verfolgung durch Behörden und Staaten für einen kurzen Moment das Gefühl der Illegalität abnehmen und einfach mal “sein” zu lassen und zweitens, mit den finanziellen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, den politischen Protest in Belgrad zu entlasten, zu unterstützen und zu begleiten.

Und so stehen wir nun hier in Belgrad, kochen und begegnen Menschen mit ihren Geschichten ohne die Möglichkeit, etwas an dieser Situation zu ändern. Der Versuch, diesen Menschen auf halbem Wege zu begegnen, ist immer überschattet durch die Ungleichheit der Verhältnisse, in die wir hineingeboren wurden. Beim gemeinsamen Tee trinken präsentiert sich diese Ungleichheit nackt und unverschleiert –.

Und so füllen sich die Worte, die wir zwar schon vor Jahren gerufen haben mit individuellen Geschichten und persönlichen Kontakten, mit der Erkenntnis, dass das, was wir teilen, die Liebe gegenüber den Menschen und der Hass auf die Grenzen ist.

In diesem Sinne,

fight all fucking borders.

Schicke den Bericht gerne weiter an deine Freund_innen und Bekannte
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